Überlegungen zum Begriff
Bei der Aufnahme in die Schule für Geistigbehinderte spüren wir immer wieder den Unmut der Elternschaft über den Begriff "Geistige Behinderung" Die sprachliche Nähe zu geistesgestört - irre sein - verunsichert und beängstigt. Die Formulierung wird als "mystisch - dämonisch" erfahren und entpuppt sich in besonderem Maße unwissenschaftlich.
Niemand würde in der modernen Psychiatrie, mit ihren Ergebnissen in der Gehirnforschung und der Endokrinologie, von geistesgestört reden, weil eben der Forschungsstand diesen Begriff verbietet. Daraus resultiert ein unbefangener Umgang mit dem heute verwendeten Begriff des psychisch Kranken. Er verliert das stigmatisierende Element durch die wissenschaftliche Präzision des Begriffs.
Die Schule für Geistigbehinderte operiert weiterhin mit einer im Grunde diskriminierenden Nomenklatur. Die fast hundertfache Verwendungsmöglichkeit des Ausdrucks "geistig" (von Platon bis Hegel) hat in diesem Zusammenhang keine Aussagekraft und keine Konsequenz auf die Arbeit unserer Schulart - im Gegenteil:
Der Begriff der geistigen Behinderung erweist sich als bedeutungsleer und in keiner Weise operationalisierbar.
Den wissenschaftlich tätigen Autoren genügt es offenbar, "geistig behindert" als bequemes "wissenschaftliches Verständigungsmittel" zu benützen. Die Suche nach einem besseren Begriff bezeichnen sie als müßig (Speck). Es müsse von einer Veränderung abgeraten werden, um die sprachliche Verständigung nicht zu blockieren.
Während im Privatschulbereich die Diskussion in vollem Gange ist, und nicht ganz unbegründet mit Begriffen wie "Schule für Zeitgeschädigte" operiert wird, zeigt sich bei den (gemächlicheren?) Staatlichen Schulen und auch bei den sonderpädagogischen Ausbildungsstellen kein Drang zur Revision.
Während die Förderschule sich mit neuem Lehrplan und neuem Namen aus ihrer sozialen Diskriminierung löst, verschärft sich im Zusammenhang mit der Integrationsdiskussion unserer Tage der Druck auf unsere Schulart. Nicht zuletzt deshalb, weil die Unklarheit des Begriffs zu Fehleinschätzungen führt.
Analog zu den Forschungsentwicklungen in der Psychiatrie sollten auch wir uns nach einem wissenschaftlich begründeten neuen Namen für unsere Schule umtun.
Denn in der Arbeit mit unseren Schülern geht es uns ja primär darum, Wahrnehmungsstrategien führend "erlernbar" zu machen, nicht als isoliertes Perzeptionstraining, sondern eingebunden in ein entwicklungspsychologisch orientiertes Unterrichten an realen, lebensbedeutsamen Alltagsgeschehnissen.
Wahrnehmungsfähigkeiten und die Fähigkeit, Wahrnehmungsstrategien zu entwickeln, werden bei unseren Kindern oft schon im vorgeburtlichen Stadium beeinträchtigt. In den ersten Lebenswochen, wenn der Säugling innehält, um sich mit sinnesspezifischen Reizen zu beschäftigen, können Wahrnehmungsdefizite entstehen. Dieser in der Entwicklung des Kindes reaktiv verlaufende Prozess lässt sich fortsetzen bis hin zum Spracherwerb, der bei unseren Schülern nie abgeschlossen ist und durch unser Unterrichten eigentlich in Gang gehalten werden muss.
Definitorisch sind Wahrnehmungsstörungen sowohl in der Perzeption selbst als auch in der Verbindung des Wahrgenommenen zu erklären. Hierbei geht es nicht um einen verkürzten medizinischen Begriff. Wahrnehmung hier verstanden als die sinngebende Verarbeitung innerer und äußerer Reize unter Ausnutzung von Erfahrung und Lernen (Affoltern).
Neurologisch ist der Begriff der Wahrnehmung als bahnender Impuls zu erklären, der von den Retikularformationen des Hirnstammes ausgehend, sich an die Hirnrinde koppelt, das limbische System, den Vestibularapparat und weitere Sinnesorgane anspricht, um daraus einen Handlungsvollzug zu entwerfen und auszuführen (Böhme).
Wahrnehmungsstörungen sind demnach:
Störungen der Hirnrinde als Fehlfunktionen von Zellverbänden - Dysfunktionen der Hirnrinde (wesentlich häufiger als anatomische Defekte), z.B. Störung der optischen Wahrnehmung bei motorischer Behinderung ohne HirnschädigungNicht nur Hirnrindendefekte, sondern auch der Nichtgebrauch von Wahrnehmungsanlagen können zu Fehlentwicklungen führen (Hospitalismus).
Es gibt also psychische Störungen, die ein gleiches Bild haben wie anatomische. Dauernde Nichtbenutzung bestimmter Strukturen kann zu Wahrnehmungsdefekten führen (Affoltern).
Allerdings wäre es eine verkürzte Sichtweise , die Schüler unserer Schulart als "wahrnehmungsbehindert" zu bezeichnen.
Insofern bietet sich der Name
"Schule für entwicklungsbehinderte Kinder und Jugendliche"
an. Dieser neue Begriff hätte zweifellos Auswirkungen auf die Lehrerausbildung, auf die Lehrplanarbeit und den täglichen Unterricht. Vor allem aber wäre die Möglichkeit geboten, unsere Schüler in ihrer wissenschaftlich fassbaren Behinderung zu erkennen, um dann auch besser mit ihnen umgehen zu können. Vor allem aber aus Respekt vor der Elternschaft dieser Kinder sollte der überaus diskriminierende Begriff der "geistigen Behinderung" fallen
Jürgen Blepp
Sonderschulrektor i.R.
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