Lesen und Schreiben mit Wort und Bild

 

Der Bereich „Lesen und Schreiben“ ist ein Arbeitsbereich, der an Schulen für entwicklungsbehinderte Kinder und Jugendliche  immer wieder in Gesprächen viele Fragen aufwirft.
Gerade diese Frage nach den „Kulturtechniken“ zeigt einerseits, dass die Vermittlung von Lese- und Schreibfertigkeiten stark mit dem Begriff „Schule“ verbunden ist. Andererseits zeigt sich aber auch, dass mit der Beherrschung dieser Fertigkeiten wichtige Aspekte in der Selbst- und in der Fremdwahrnehmung einer Person begründet sein können.

Was ist unter dem Begriff „Lesen“ zu verstehen?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird man für eine Definition dieses Begriffs sicherlich solche  Aussagen  heranziehen wie „... Buchstaben kennen, ... aus Buchstaben zusammengesetzte Wörter verstehen, ...aus den Wörtern gebildete Sätze verstehen, ...Texte verstehen, die aus Sätzen gebildet werden...“ .

Diese Fähigkeiten besitzen Sie als Leser dieses Textes
( sonst wären Sie nicht bis hierher vorgedrungen ).  Lesen zu können bedeutet aber auch noch mehr -und grundlegendere- Fähigkeiten als die vorher genannten zu besitzen und diese nutzen zu können.

Kinder, die in der Grundschule lesen lernen führen einen mehrstufigen Entwicklungsprozess fort, der im Säuglingsalter begonnen hat und der das gesamte Leben fortdauert; versuchen Sie doch einmal, sich vorstellen, wie es sein könnte, wenn Sie eine fremde Sprache, die völlig andere Schriftzeichen hat erlernen, wie beispielsweise Griechisch oder Chinesisch.

Unter einem erweiterten Lesebegriff versteht man Lesen als die Fähigkeit, aus Situationen und Zeichen Informationen zu entnehmen.

  • Ein Säugling liest im freundlichen Gesicht der Mutter, er versteht mit der Zeit  Situationen als Zeichen für „wichtige Dinge“ zu deuten, z.B. Essensvorbereitung, Wickeln...  er erlernt das Situationslesen.
 
  • Bilder und Bildfolgen aus dem Bilderbuch werden verstanden, können auch vorgelesen werden, wenn das Kind Bilderlesen kann.

 

  • Bildzeichen und abstraktere Symbole liest ein Kind, das Symbollesen beherrscht.
    als Symbol für „abschneiden
    "

 

  • Schilder und Symbole in typischen Situationen die oft auch einen Hinweis- oder Warncharakter haben oder Warenbezeichnungen wieder zu erkennen gehören zur Stufe des Signalwortlesens.

 

  • Kinder, die bestimmte Wörter wiedererkennen ( Namen, Kalendertage....) können diese Wörter als Ganzwort lesen.

 


Diese einzelnen Stufen sind Grundlagen des Leselernprozesses.

Aber auch wenn ein Kind viele einzelne Buchstaben kennt und sie lesen kann ist es immer noch ein sehr großer Schritt, bis aus einzelnen Buchstaben ein neues Wort zusammengesetzt und in seiner Bedeutung erfasst werden kann.

Beobachtet man ein Kind, das sich bemüht ein neues Wort zu erlesen ( und dabei in diesem Prozess immer wieder bereits bekannte Wörter ausschließen muss ) kann man erkennen, wie viele einzelne Faktoren sich gegenseitig bedingen und manchmal auch stören, wie nach jedem neuen Buchstaben die bisher gelesenen wiederholt, wieder neu gemerkt und in Verbindung zu dem neuen Buchstaben gebracht werden müssen. Dabei arbeitet das Kind beim Zusammenschleifen der einzelnen Buchstaben auf einer abstrakten Vorstellungsebene, bis sich aus dem langsamen Zusammenbauen des Wortes beim lautierenden Lesen die Vorstellung des Realgegenstandes langsam zum Lautbild und Wortbild zuordnet.

Das Erlesen von Wörtern aus Buchstaben ist ein Prozess, der sehr hohe Anforderungen an Merkfähigkeit, Kombinationsfähigkeit und Abstraktionsfähigkeit stellt. Aufgrund ihrer Entwicklungsbehinderung haben unsere Schüler aber in diesen Persönlichkeitsmerkmalen meist deutliche Defizite. Deshalb ist es wichtig, dass "Lesen lernen" im Unterricht auf der Lesestufe ansetzt auf der sich der einzelne Schüler befindet und weitere Lernziele unter einer genauen Diagnostik gesteckt werden müssen. 

Wird der Lesebegriff in dieser weiter gefassten Form verstanden und angewendet, können alle unsere Schüler lesen.

 

Als Beispiel, wie ein so verstandener Lese- und damit auch Schreibbegriff unterrichtlich umgesetzt werden kann, soll das Unterrichtsprojekt „Wochenendberichte“ dienen, das von der Lehramtsanwärterin Andrea Dufour in einer Werkstufenklasse durchgeführt wurde.

 

Zum Download:
Lesen und Schreiben mit Wort und Bild
( Worddokument als .exe gezippt )